27.04.2012
Bericht zum Nachhaltigkeits-Kongress 2012 der Initiative „Energie minus 15,2 Prozent“
Zum „Nachhaltigkeits-Kongress 2012“ der Gebäudereiniger-Branche hatte der Verein für Reinigungstechnik e. V. am 19. April nach Niedernhausen bei Wiesbaden eingeladen. Geschäftsführer Detlef Stange konnte mehr als 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Branche sowie zahlreiche Vertreter aus der Zuliefer- und Geräteindustrie und der Branchenverbände begrüßen. Der diesjährige Kongress, der zweite der Branche zu diesem Thema, stand im Zeichen der Initiative „Energie minus 15,2 %“, mit der die Branche auf mehr Nachhaltigkeit sowohl im eigenen Betrieb als auch bei der Dienstleistung für Kunden setzt.
Grundsatzfragen
In seiner Begrüßung stellte Detlef Stange gleich mehrere triftige Gründe für diesen innovativen Ansatz vor. Hinter der Ziffer minus 15,2 % verberge sich der Anteil des Stroms, der im Rahmen der Energiewende durch Abschaltung der acht alten Atomkraftwerke seit 2011 nicht mehr zur Verfügung stehe. Anstatt diesen Anteil durch andere Quellen zu kompensieren, setzen die an der Initiative beteiligten Unternehmen des Gebäudereiniger-Handwerks auf Einsparung und zusätzliche Nachhaltigkeitsmaßnahmen.
Die Teilnahme steht allen Gebäudereinigungsbetrieben offen. Informationen zur Initiative Energie minus 15,2 Prozent, die vom Verein für Reinigungstechnik, der Landesinnung Hessen und dem Bundesinnungsverband getragen wird, erhalten Sie auf dem Portal www.energie-minus.org. Dort stehen auch die zur Anmeldung erforderlichen Unterlagen zum Download zur Verfügung und Sie erfahren, welche Voraussetzungen zu erfüllen sind.
Kunden, die sich selbst mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ am Markt platzieren, fordern von ihren Zulieferern und damit auch von Dienstleistern aus dem Gebäudereiniger-Handwerk den Nachweis entsprechender Programme und Anstrengungen zum nachhaltigen Wirtschaften. Der Nachhaltigkeitsgedanke umfasst dabei nicht allein die Energieersparnis, sondern ebenso Ressourcenschonung ganz allgemein und nachhaltiges Wirtschaften auf ökonomischem, ökologischem und sozialem Gebiet.
Ziel des Kongresses war, die Gebäudereiniger zum Handeln zu motivieren, das Bewusstsein für diese Haltung zu schärfen, vor allem aber in enger Zusammenarbeit mit Industrie und Wissenschaft Mittel und Wege aufzuzeigen, wie sich nachhaltiges Wirtschaften sowohl im eigenen Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden betriebswirtschaftlich rechnen könne.
Politische und gesellschaftliche Vorgaben
Günter Dunschen, Leiter des Ressorts Technik und Umwelt der Handwerkskammer Wiesbaden, zeigte die komplexen Vorgaben der Politik für die Energiewende auf, die in der Bevölkerung durchaus Rückhalt habe. Das Handwerk sei stark und für sofortiges Handeln gewappnet, allein die Politik hinke den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen meist hinterher.
Compliance im engeren und weiteren Sinn
Rechtsanwältin Nina Sieber vom BIV beschäftigte sich in ihrem Referat mit dem Begriff „Compliance“, der heute im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit gebräuchlich sei, ohne jedoch fest im Bewusstsein der Betroffenen verankert zu sein. Englisch „to comply“ bedeute einerseits, „Vorschriften zu befolgen, Regeln zu beachten“. In dieser Hinsicht sei der Begriff juristisch zu verstehen. Denn die Beachtung gesetzlicher Vorschriften, z. B. beim Arbeitsschutz, sei unstrittiger Bestandteil jedes nachhaltigen Wirtschaftens. Immer mehr, vor allem große Unternehmen unterwerfen sich darüber hinaus zusätzlich freiwilligen Selbstverpflichtungen, um sich als guter „corporate citizen“ im Sinne eines in der Gesellschaft verantwortlich handelnden Unternehmers zu verantworten. Auch in diesem Zusammenhang finde der Begriff „compliance“ immer mehr Verwendung und gehöre zur Risikovorsorge des Unternehmens ebenso wie zu seinem Image. Bei den Gebäudereinigern sei der Begriff auf Branchenebene noch nicht eingeführt. Allerdings habe der Bundesinnungsverband einen „Code of Conduct“, also einen Verhaltenskodex, entwickelt.
BIV-Mitgliedsunternehmen erhalten hier weitere Informationen zum Thema Compliance und können den entsprechenden Leitfaden herunterladen.
Umso wichtiger sei es für die einzelnen Unternehmen, gerade im Hinblick auf öffentliche Auftraggeber, eine Unternehmenskultur nicht nur zu entwickeln, sondern sie auch zu benennen und damit zu werben. Frau Sieber stellte die Wettbewerbsvorteile heraus, die sich durch „Compliance“ sowohl im engeren, juristischen als auch im weiteren Sinn als Mitglied der Gesellschaft ergeben können.
Nachhaltigkeit als Kernkompetenz
Auf einer ähnlichen Ebene argumentierte auch Klaus Pankau, Personalleiter der WISAG Gebäudereinigung Holding GmbH & Co. KG, Berlin. Er orientierte sich hauptsächlich an den unterschiedlichen Zertifizierungsstandards, die sich einerseits in den USA und – bisher weit weniger – in Europa etabliert hätten. Im Gebäudereiniger-Handwerk habe der Wettbewerb um Kunden bisher hauptsächlich im Preissektor stattgefunden. Er sagte jedoch voraus, dass in einigen Jahren kaum ein international ausgeschriebener Auftrag gewonnen werden könne, der nicht durch Zertifizierung auf Nachhaltigkeit überprüft wird, zumal bei größeren Aufträgen eine EU-weite Ausschreibung verpflichtend sei. Grund dafür sei ein immer stärker wachsendes kritisches Bewusstsein der Öffentlichkeit. Deshalb dürfe die Forderung nach Nachhaltigkeit nicht als lästiges Hemmnis, sondern müsse vielmehr als Chance begriffen werden. Eine gewisse Gefahr sieht Pankau darin, nur auf Vorgaben aus den USA zu reagieren. Wenn Europa nicht in der Lage sei, sein Branchenbewusstsein in eigene Zertifizierungen einfließen zu lassen, würden im Markt zwangsläufig US-amerikanische Kriterien Platz greifen, die den europäischen Eigenheiten, etwa auf den Gebieten Rohstoff-Gewinnung, Produktion, Transport sowie Nutzung und Pflege teilweise sogar entgegen stehen würden. Jenny Lieke, Mitarbeiterin im Nachhaltigkeitsmanagement der WISAG, führte fort, dass man mit dem Schwerpunkt Ökologie Maßnahmen für eigenes Handeln ableite, und konnte dies mit zahlreichen konkreten und vor allem auf die Praxis gerichteten bzw. in der Praxis gewonnenen Beispielen untermauern. Die Ergebnisse würden in 7-tägigen Workshops an Vorarbeiter und 3-Tage-Veranstaltungen an Mitarbeiter weitergegeben. Damit werden auch Kundenberater in die Lage versetzt, wiederum ihren Kunden mit Rat zur Seite zu stehen.
Zertifizierung für Gebäudereiniger-Branche
Unternehmensberater Wilhelm Schöneberger, Experte für integrierte Nachhaltigkeits-Managementsysteme, Kay Uwe Bolduan von RKW-Hessen und Dr. Eric Werner-Korall von DQS referierten über eine speziell auf die Bedürfnisse der Gebäudereiniger abgestimmte Zertifizierung. Ausnahmslos positiv beurteilten alle drei Referenten die Initiative Energie minus 15,2 %, die ein erster Schritt hin zu einer – in dieser Form einmaligen – Branchenlösung sei.
Ausgangspunkt aller Überlegungen sei, dass die Branche aus hauptsächlich KMU bestehe, auf deren Belange und Strukturen bei einer Zertifizierung besonders Rücksicht genommen werden müsse. Hier biete die Nachhaltigkeitsinitiative eine hervorragende Basis, zumal sie einen niedrigschwelligen Einstieg biete und für die Unternehmen völlig kostenlos sei. Nach Anmeldung erhalten alle Interessenten ein Informationspaket mit Anschreiben, Leistungsübersicht und einer Aufforderung zur Einhaltung vorgeschriebener und freiwilliger Verpflichtungen.
Als Mitglied der Initiative verpflichtet man sich außerdem zum Nachweis einer Energieeffizienzberatung (z. B. durch das kostenlose RKW-Energieeffizienz-Impulsgespräch), einen eigenen Aktionsplan mit konkreten Einsparungsabsichten einzureichen und einen Workshop zur Nachhaltigkeit zu besuchen. Die Workshops werden Anfang August starten.
Der zweite Schritt führe dann zu einer offiziellen Zertifizierung: Das RKW berate dabei insbesondere zu den Bereichen Energie und Ressourcen. Seit Februar 2012 habe man schon über 400 Impulsgespräche im Rahmen von PIUS, dem vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderten Programm zum Umweltschutz durchgeführt. Innerhalb von drei Jahren plant man so auf rund 10.000 kostenfreie Erstgespräche zu kommen. Auch schriftliche Informationen zu Einsparungspotenzialen, Informationen zu öffentlichen Fördermaßnahmen und konkrete Empfehlungen gehören zum Leistungsangebot. Schließlich können sich auch Unternehmen mit maximal 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch die jeweilig zuständigen Landesministerien und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderte Programme zu Fragen der Ressourcenschonung und Energieeinsparung beraten lassen.
Die Bündelung ziele auf eine inzwischen unabdingbare Branchenlösung im Rahmen von EcoStep, einem zertifizierungsfähigen, integrierten, prozessorientierten Managementsystem für kleine und mittlere Unternehmen bis 250 Mitarbeiter. Man sei sich bewusst, dass gerade diese Betriebsgrößen nicht mit Bürokratie überfrachtet werden dürften, da viele mit Personalkosten von fast 90 Prozent zu kalkulieren hätten. Zertifizierungen nach ISO-Normen zum Energiemanagement (ISO 16.001 und 50.001) seien eher für Großunternehmen geeignet. EcoStep hingegen ist darauf ausgerichtet, den Betrieb in kleinen Unternehmen bei den alltäglichen Abläufen zu unterstützen und diese zu optimieren. Stets stehe der Praxisbezug im Mittelpunkt. Eine EcoStep-Zertifizierung koste ohne öffentliche Förderung ca. 5.000 Euro. Durch Förderungen könnten noch rund 2.000 Euro eingespart werden und sie sei deshalb kostengünstiger als etwa die bereits bestehende Norm ISO 9.001.Im Vordergrund der Zertifizierung stehe stets das Signal an die Kunden:
- Wir beherrschen die Prozesse.
- Wir beachten Gesetze und Vorschriften.
- Wir leben Energie-Einsparen.
Know-how der Industrie nutzen
Der Nachmittag des Kongresses war Referenten aus verschiedenen Zulieferbereichen vorbehalten, die in parallel laufenden Workshops dem Fachpublikum ihre neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse in punkto Nachhaltigkeit vorstellten. Alle Referenten kamen aus der Praxis und standen auch für Einzelgespräche zur Verfügung. In einer dem Kongress angeschlossenen Fachausstellung gab es reichlich Gelegenheit, die neuesten technischen Entwicklungen auch selbst in die Hand zu nehmen und zu testen. Themen waren u.a. energieeffiziente Staubsauger, Möglichkeiten der Energieeinsparung von der Heizung über optimiertes Flottenmanagement und moderne Leuchttechnik mit LED bis zur Aufbereitung von Reinigungstextilien, Erhöhung der Effizienz von Solaranlagen durch Reinigungsdienstleistungen, das breite Angebot von Produkten, die die Wirtschaftlichkeit und damit die Nachhaltigkeit der Dienstleistung Gebäudereinigung erhöhen, beispielsweise aufgrund der Reduzierung von Nachreinigung durch optimierte Systemlösungen, Reinigung bei niedrigeren Wassertemperaturen, ökologische Verpackungen oder auch geringere Transportkosten durch Verpackungsreduzierung und Konzentratverwendung. Ein für sein nachhaltiges Wirtschaften bereits mehrfach ausgezeichnetes Unternehmen berichtete über seine zahlreichen Ansatzpunkte zur Verbesserung der Nachhaltigkeit, wie die Optimierung des Chemieverbrauchs, rationelle Einsatzplanung der Mitarbeiter, effiziente Reinigungsverfahren und Einsparungen persönlicher Schutzausrüstung, die Entwicklung ökologischer Produkte, optimale Dosierung von Reinigungsmitteln und einen Kraftstoff sparenden Fuhrpark bis hin zur Nutzung von Elektrofahrzeugen.Da sich Nachhaltigkeit nicht nur auf ökologische Aspekte beschränkt, spielen auch soziale Aspekte wie gute Arbeitsbedingungen, Aus- und Fortbildung, Mitarbeitermotivation, die Beschäftigung behinderter Menschen und eine angemessene Entlohnung eine wesentliche Rolle.
Dem Kongress angeschlossen war eine Ausstellung von Ausrüstern und Lieferanten der Gebäudereiniger-Branche, die regen Zuspruch fand, zumal viele neue Entwicklungen erstmals in dieser Dichte zu sehen waren. Wichtig waren auch hier das direkte Gespräch und der Meinungsaustausch unter Praktikern.
Fazit
Als eine der ersten Branchen in Deutschland nimmt die Gebäudereiniger- Branche die Herausforderungen offensiv an, wie sie sich u. a. durch Fukushima, die Energiewende und aufgrund des geschärften Umweltbewusstseins der Menschen ergeben. Das gilt für die eigenen Aktivitäten ebenso wie für die Beratungskompetenz für Kunden. Die Nachhaltigkeitsinitiative Energie minus 15,2 Prozent ist dazu ein unbürokratischer Einstieg und wurde von allen Experten mit Nachdruck unterstützt und empfohlen.

Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks